Gedanken zur Coronakrise

Jetzt hat es also ganz schön lange gedauert, bis zu meinem zweiten Blogbeitrag. Aber das Thema ist so vielschichtig.

In dieser Krise stehen sich Gruppen gegenüber, feindselig und unversöhnlich. Die einen scheinen das Regierungshandeln gegenüber dem Corona-Virus und die Einschränkungen von Bewegung und Kontakt in ungebrochener Weise und in „abwegig hohem Ausmaß“ – so stand es in einem politischen Kommentar – zu unterstützen, die anderen halten das Corona-Virus für nicht gefährlicher als ein normales Grippe-Virus und alles für ein globales Komplott. Es werden Freundschaften aufgekündigt, es werden keine Argumente ausgetauscht, sondern eher an den Kopf geworfen, Annäherungen und Zwischentöne verschwinden.

Warum? Insgesamt in der Gesellschaft nimmt die Aggressivität in beängstigendem Ausmaß zu. In den sozialen Medien, im Fernsehen, auf der Straße, zwischen Nachbarn. Das ist sicher ein Grund. Aber nicht der wichtigste.

Die Angst und der Schmerz

Zu Beginn der Corona-Krise habe ich ein Online-Retreat gemacht, in dem wir die verschiedenen Gefühle erforscht und verarbeitet haben, die vom Corona-Virus ausgelöst wurden. (Von diesem Seminar kann ein konzentriertes Video mit allen Übungen zu den verschiedenen Gefühlen heruntergeladen werden über www.zeitundraum.org

Zuerst die Angst. Angst vor dem Virus, vor Krankheit, vor dem Verlust von Freunden und Verwandten und die Angst vor den Folgen der Krise, Angst vor dem Alleinsein und den Einschränkungen von Kontakt und Bewegung. Mir ist nie eine übermäßige Angst vor dem Virus begegnet, nirgendwo eine oft behauptete Panik-Reaktion. Vorsicht ja, auch Besorgtheit, aber Panik?

Als nächstes der Schmerz. Jetzt, wo wir schon einige Zeit mit dem Corona-Virus leben, ist dieser Schmerz und die Trauer noch deutlicher zu fassen. Die Menschen leiden darunter, dass man sich nicht mehr selbstverständlich umarmen und körperlich nähern kann, den, der weint, nicht mehr einfach in den Arm nehmen kann.  Viele Menschen leiden unter finanziellen Einbußen, viele unter dem Verlust der Arbeit oder ihres Geschäftes oder ihres kleinen Restaurants, das sie in vielen Jahren aufgebaut haben. Das ist ein zentrales Thema: wer hat die Folgen des Corona Virus zu tragen? Sind es die Menschen, die sowieso am wenigsten Anteil am gesellschaftlichen Reichtum haben? Die sowieso benachteiligt sind? Werden mit den Milliarden Steuergeldern Autokonzerne unterstützt, oder die tausenden Kulturschaffenden, Künstler, Musiker, Theaterleute? Die Kinder in Reichen und gebildeten Familien hatten Homeschooling, die armen Kinder oft keinen Laptop und keine Unterstützung. War das nicht verstörend, dass dazu auf all den Corona-Demonstrationen nicht ein Wort zu hören war?

Der Hunger in der Welt, in Afrika und anderen Ländern, nimmt wegen der Coronakrise zu. Die Zahl der unterernährten Menschen könnte bis Ende des Jahres auf 1 Milliarde steigen, die Zahl der vom Hungertod bedrohten sich auf 270 Millionen verdoppeln. (Welternährungsbericht der Vereinten Nationen) Auch das die negative Seite der Globalisierung, auch da die Frage: wollen wir, dass nur ein Teil der Menschen die Folgen der Krise tragen?

Die Wut und Ohnmacht fühlen

Nach Angst, Schmerz und Trauer kam als nächstes die Wut. Die Wut auf das Virus. Da gab es die größten Überraschungen bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Retreats: die Überraschung nämlich, dass und oft in welcher Heftigkeit diese Wut bei ihnen selbst auftauchte. Sie war vorher nicht bewusst. Wie kann man auch auf einen Virus wütend sein, das seiner biologischen Bestimmung folgt. Aber es zeigte sich, die Wut war da. Und sie musste da sein, Angst und Schmerz erzeugen immer Wut, natürlicherweise. Die Wut ist da, unabhängig von der Rationalität von Verursachung und Verantwortung. Und für sie gilt in besonderer Weise, was für alle Gefühle gilt:

Gefühle, die verdrängt werden, werden destruktiv und versauen einem das Leben. Sie verschlingen Unmengen an Energie, nichts verursacht so viel Erschöpfung, soviel Ausgebrannt-sein wie verdrängte Gefühle. Da wird die Energie des Gefühls selbst unten gehalten, und eine zweite genauso große Energie verbraucht, diese Gefühle nicht zu fühlen.

Dann erforschten wir die Ohnmacht, die Ohnmacht gegenüber einem unsichtbaren und in vielen Fällen tödlichen Virus. Ich bin ganz sicher, das Trauma der Pest im 14. Jahrhundert, bei dem in Europa ein Drittel bis zur Hälfte der Menschen umkamen, in China sogar zwei Drittel der Menschen starben, diese traumatische Erfahrung steckt der Menschheit noch in den Knochen. Genauso wie die Spanische Grippe, die die Menschen in Europa heimsuchte, als gerade der Schrecken des Ersten Weltkriegs überwunden war und die mehr Menschenleben kostete als der erste Weltkrieg, wobei natürlich nicht vergessen werden darf, dass die Abwehrkräfte der Menschen wegen des Krieges und des Hungers sehr geschwächt waren.

Ist es ein Wunder, dass wir jetzt alle sehen, die Gefährlichkeit und die Tödlichkeit des Corona-Virus in den ersten Monaten überschätzt wurde? Aber ist nicht, angesichts von über 200.000 Toten in den USA und vergleichbaren Zahlen in einer ganzen Reihe anderer Länder gegenüber jährlich 25-30.000 Grippe-Toten in den USA, die Behauptung genauso unsinnig, das Coronavirus wäre nicht gefährlicher als die normale Grippe? Obwohl in den USA zwar zögerlich, aber dann doch in größerem Maße Infektions-hemmende Maßnahmen durchgeführt wurden? Und obwohl der Präsident der USA, dem diese hohe Zahl womöglich die Wiederwahl kostet, jede denkbare Möglichkeit ergriffen hätte, diese Zahl herunter zu rechnen?

Und wenn man so diese Übertreibungen ins Auge fasst, könnte da nicht ein gesellschaftlicher Diskurs stattfinden und private Diskussionen und Gespräche, die Annäherungen ermöglichen? Diskussionen, in denen man gemeinsam nachdenkt?

Die Ursache für die Unerbittlichkeit – ja von Diskussion kann man gar nicht sprechen – liegt darin, dass die Menschen den Schmerz und die Wut verdrängen, dass sie Schmerz und Trauer nicht wirklich fühlen, sich nicht eingestehen und die Wut auf irgendwen richten; auf die Maske, die man tragen soll, auf die Freunde, die eine andere Meinung haben, auf die Regierung, auf die Virologen, auf Verschwörungen oder Verschwörungs-Erzähler. Aber der Schmerz wird verdrängt, der Schmerz über die fehlende Nähe, die fehlenden Umarmungen, der Schmerz über die Einschränkungen, wenn das Einkommen nur noch die Hälfte beträgt.

Da sind Grundbedürfnisse betroffen. Grundbedürfnisse nach körperlicher Nähe, das Bedürfnis nach Lebenssicherheit, die sich in finanzieller Sicherung ausdrückt. Das Bedürfnis, einen geliebten Beruf weiter ausführen zu können. Das Bedürfnis nach kultureller Betätigung, Musik hören können in der Gemeinschaft mit anderen, live im Konzert und nicht nur von der Konserve zu Hause. Aber ist es ein Grundbedürfnis, zweimal im Jahr nach Mallorca zu fliegen, um sich möglichst billig am Ballermann zu besaufen? Muss man jedes Jahr für einige Wochen in irgendeinem Hotel im Süden am Swimmingpool liegen statt einer Fahrradtour durch das Hochsauerland oder entlang der Elbe? Ist es ein Grundbedürfnis, möglichst schnell möglichst viele neue Autos auf den Straßen zu haben, oder ist es nicht wichtiger, dass Kunst und Kultur auf den kleinen Bühnen am Leben bleiben?

Ist die Menschheit in der Lage zu lernen?

Das Schlimmste wäre, wir würden nichts lernen aus dieser Krise. Das Schlimmste wäre, danach würde alles so weitergehen wie zuvor, ja es würde schneller gehen, um den Wachstums-Rückgang möglichst schnell aufzuholen. Der Schaden für die Umwelt wäre unermesslich. Und für die Menschen vielleicht noch mehr. Es wäre so schrecklich, wenn die Toten umsonst gestorben wären, wenn unser aller Einschränkungen, unser Schmerz und unser Leid deswegen umsonst sein würden. Zu Anfang der Krise gab es neben dem Schock so viel Hoffnung, Hoffnung darauf, dass die Menschen diese Krise als Weckruf verstehen würden, dass die Lebensweise überdacht werden würde, dass die Menschen zur Besinnung kämen. Dass sie entdecken würden, dass Konsum eben nicht die Würde des Menschen schafft. Dass der möglichst billige Urlaub auf Mallorca eben nicht Lebensqualität darstellt oder Erholung für die Seele ist. Dass unser Glücklichsein nicht von der Zahl verkaufter Autos abhängt, egal mit welchem Motor. Dass die Gesellschaft, dass die Menschen wiederentdecken könnten, was wichtig ist, was eigentlich zählt.

Und das ist das eigentlich Tragische an der Unerbittlichkeit des Streits: dass diese Energie der Wut und der Empörung, die Energie des Schmerzes und des Leids, sich nicht umsetzt in gemeinsame Anstrengungen die Welt zu verbessern, sondern vergeudet und verschleudert wird in sinnlosem und fruchtlosem Streit, der kein Verständnis schafft, keine Annäherung, sondern Ablehnung und Hass.

Können wir das ändern? Können wir uns wieder daran erinnern, wie schnell die Flüsse sauberer wurden, Delphine sich im Hafen von Venedig tummelten, die Luft, so konnte man es vom Satelliten beobachten, in China wie in Europa sauberer, der Himmel wieder blau wurde? Daran erinnern, dass wir plötzlich Muße hatten, freie Zeit, dass manch einer jetzt erkannte, wie sehr er unter dem normalen Getrieben-sein eigentlich leidet und droht sich selbst zu verlieren? Daran erinnern, wie sehr wir Menschen als soziale Wesen einander brauchen, sodass wir versuchten, die Nähe und Zärtlichkeit, die wir körperlich weniger zeigen konnten, durch Worte auszudrücken? Anfingen, eine Sprache für die Poesie der Zärtlichkeit und der Sehnsucht wiederzufinden?

Erkennen, wie klein wir sind und wie groß wir sein können

Es ist doch unglaublich erstaunlich: Unsere Gesellschaft, von der vorher in der Klima-Debatte und vielem anderen immer behauptet wurde, dass sie in Sachzwängen und Strukturen so ohnmächtig und diktatorisch eingebunden sei, dass Änderungen gar nicht denkbar seien und schon gar nicht dann, wenn sie wirtschaftliche Rendite verringern würden, kann jetzt plötzlich ein gesellschaftliches Projekt eigentlich unvorstellbaren Ausmaßes realisieren. Nämlich durch gewaltige Anstrengungen und dem persönlichen Einsatz jedes einzelnen besonders die Risiko-Gruppen schützen, die zu den Schwächsten der Gesellschaft gehören: die Alten, die Menschen mit den Vorerkrankungen, die Schwachen. Können wir dann nicht sagen: Wir können auch andere wichtige gesellschaftliche Projekte mit derselben Energie und derselben Durchschlagskraft realisieren, allen voran den Klimaschutz, der ja nicht weniger bedeutet, als die bedrohten Lebensgrundlagen zu sichern. Wir könnten die Arbeit und die Ressourcen gerechter verteilen. Es könnten menschliche Werte wieder gestärkt werden: Für-Einander-Da-Sein, Solidarität und Verantwortung, die Liebe zu den Menschen und zum Leben.

Geglaubte Sicherheiten gingen verloren. Sicherheiten, die es sowieso nie gab. Es sterben mehr Menschen an Hunger oder an verschmutztem Trinkwasser als am Corona-Virus. Wie zynisch ist das zu sagen, deswegen könnten wir die Corona-Toten, wovon ohnedies hauptsächlich nur die Alten betroffen wären, ruhig in Kauf nehmen? Statt zu sagen: wenn wir es schaffen, solche Anstrengungen zu mobilisieren, um das Virus in Schach zu halten, ja, können wir uns dann nicht auch den Problemen des Hungers, des sauberen Wassers und vieler anderer Krankheiten stellen, statt sie aus unserer Wahrnehmung zu verbannen?

Wo im Leben ist Sicherheit, wo Erfüllung und Glück?

Könnten wir nicht deutlicher erkennen, wie wertvoll und wunderschön dieses Leben ist, aber doch nie die Sicherheiten und die Erfüllung bietet, nach der der Mensch sich sehnt? Viele haben die Ruhe und die Stille, zu der sie vom äußeren jetzt gezwungen waren, für eine größere innere Ruhe und Stille genutzt, gerade gestern erzählte eine Retreat-Teilnehmerin, dass sie aufgewacht ist, weil sie sich der inneren Stille hingeben konnte aufgrund des beruflichen Shut-downs. Kann uns die Krise nicht tatsächlich deutlicher machen, wie unsicher die materielle Sphäre unseres Daseins tatsächlich ist und dass eigentliches Glück, das eigentliche Leben und wirkliche Erfüllung im Inneren zu finden sind und nicht im Außen, die Stille und Glückseligkeit, die so intensiv wie sie für den normalen Menschen unvorstellbar ist.

Es ist nicht nur Traum und Vision, immer wieder realisieren Menschen durch meine Arbeit das Aufwachen, die Erleuchtung.

Aus zwei Rückmeldungen von Schülerinnen möchte ich zum Schluss zitieren, die in den letzten Wochen aufwachten. Eine wachte auf, nachdem sie über mehrere Monate online-Videos von mir gesehen und dann einige Male in Begleitung die Bewusstheitsübung machte. Jetzt nach ihrem Aufwachen ist sie zum ersten Mal zum Retreat gekommen. Nach dem Retreat schrieb sie.

Lieber Christian, ich möchte mich noch einmal für das berührende Retreat bedanken. Da schwingt noch viel nach. Folgende Worte sind aus mir entsprungen und ich möchte Sie gerne mit dir teilen.

Die Freude in der Angst… Die Angst in der Freude

Mein tiefer Wunsch, mein Verlangen wird lauter, doch wohin damit? So viele Aber, so viele Gedanken, so viele Geschichten. Der Ruf meines Herzens wird lauter, ein Weghören nicht mehr möglich. Es ist an der Zeit. Das merke ich daran, dass ich keine andere Wahl habe als ihm zu folgen.

Während ich innerlich zittere und um Luft ringe, gebe ich mich hin. Die Angst so groß, scheinbar so unüberwindbar. Man muss sich dem Schmerz annähern, vorsichtig, behutsam anfreunden, um zu erblühen.

Ein Schmerz zerbricht die Schale, die den Verstand gut schützt, vielleicht schon ein Leben lang. Die Illusion wird zurücktreten und Platz machen.

Durch den Schmerz in der Angst wird die Liebe sichtbar. Keine Liebe zu mir, oder zu meinem Mann, oder zu meinen Freunden …  Zu einer LIEBE die ist. Einer Liebe im SEIN.

Eine Liebe, die kein Warum, kein Für-Wen, kein Nichts braucht. Im NICHTS ist ALLES und ALLES ist Liebe.

Es ist eine bewegende Erfahrung, dass Retreat-Teilnehmer und Teilnehmerinnen auch in meinen online-Retreats aufwachen, dass auch ohne direkte körperliche Präsenz die Energie und Unterstützung so stark sind, dass Erleuchtung geschieht. Eine andere Schülerin ist vor einigen Wochen aufgewacht, als ich sie online begleitet habe. Eine Rückmeldung von ihr nach dem Retreat in Würzburg, das live mit Einhaltung der Abstands- und Hygiene-Regeln stattgefunden hat.

Die Vertiefung für mich in dieser letzten Woche war so enorm intensiv und unermesslich, dass es mich in die Unendlichkeit katapultiert hat.

Ich bin Ewigkeit und Liebe.

Ich bin.

Und nur noch Stille. Sonst nichts.

Das Aufwachen, die Erleuchtung ist das größte Abenteuer des menschlichen Lebens. Das ist der Grund, weswegen wir auf der Welt sind. Und gleichzeitig können wir uns darum kümmern, wie wir miteinander umgehen, und mit der Erde, von der wir nur eine einzige haben. Und dann den Frieden, die Stille und die Lebendigkeit in die Welt bringen.

Kommt gut und gesund durch die Zeit.

Christian Meyer

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