Zwei Bereiche der Spiritualität – und was ist ein spiritueller Lehrer?

Jetzt ist es soweit. Jetzt schreibe ich einen Blog. Da könnte jemand gleich als erstes denken: „Was? Muss das denn sein?“ Wo doch schon viel zu viel geschrieben würde, eine endlose Vergeudung von Zeit, und tatsächlich komme nur manchmal wichtiges dabei heraus. Man könnte es ihm nicht verdenken.

Überhaupt, die Arbeit des spirituellen Lehrers geschieht in den Retreats, was sollte er darüber hinaus zu sagen haben? Er ist auch in keiner einfachen Position: Die einen denken, der spirituelle Lehrer müsste mit so viel Weisheit gesegnet sein, dass er auch zu allen anderen Lebensfragen die richtige Antwort hat. So als ob, nur weil jemand aufgewacht ist, er deswegen auch über Gentechnik und alternative Energien Bescheid wissen müsse. Die anderen sagen genau das Gegenteil: Der spirituelle Lehrer habe zu Fragen der Ewigkeit und der Erleuchtung Auskunft zu geben, sich aber bei allem anderen vollständig neutral zu verhalten, eine politische Meinung dürfe er allenfalls privat in seinem Kämmerchen haben, ja am besten so, dass keiner davon je erführe.

Was überhaupt ist ein spiritueller Lehrer?

Er gibt Spirituelles weiter. Aber schon unter Spiritualität wird so viel Verschiedenes verstanden, folgende Unterscheidung schafft eine erste Klarheit:

Der Mensch ist ein geistiges Wesen; er ist nicht getrennt von den anderen, sondern verbunden mit allen Menschen, ja sogar verbunden mit allen Wesen und dem ganzen Kosmos. Er trägt Verantwortung nicht nur für sich, sondern auch die anderen und die nachfolgenden Generationen. Er ist eingebunden in die Schöpfung und ein Teil von ihr. Es gibt eine größere Macht, wie auch immer sie bezeichnet wird, von der manche glauben, dass sie das Schicksal in der Hand hat, dass sie für die Schöpfung steht und diese Schöpfung hält.

Alles, was sich damit befasst, können wir die immanente Spiritualität nennen, die diesseitige Spiritualität. Sie beeinflusst und bestimmt die innere Haltung gegenüber dem was ist; sie verändert Bewusstseins-INHALTE.

Dann gibt es die transzendente Spiritualität. Sie befasst sich mit nicht weniger als mit der Erleuchtung, dem Aufwachen. Sie zielt ab auf die tatsächliche vollständige innere Transformation des Menschen. Nicht die Veränderung von Bewusstseins-INHALTEN, sondern die Veränderung der Bewusstseins-STRUKTUR ist ihr Ziel. Die Erfahrung von Ichlosigkeit, nicht für einen Moment oder einen bestimmten Zeitraum, die Erfahrung des eigenen Wesens als Unendlichkeit und Ewigkeit, als Zeitlosigkeit und Grenzenlosigkeit, die Erfahrung der wahren Natur als Frieden, unendliche Weite und Stille und als fundamentale bedingungslose Liebe – das ist das Ergebnis der Transformation, das Ergebnis des Aufwachens. Darauf zielt diese transzendente Spiritualität ab.

Natürlich kann die transzendente Spiritualität, und sie sollte es auch, die immanente Spiritualität mit umfassen, aber es ist wichtig, beides zu unterscheiden, damit man weiß, worüber man überhaupt spricht. Und ein spiritueller Lehrer? Ja, er ist natürlich aufgewacht, das sollte man von ihm erwarten. Es gibt natürlich welche, obwohl sie sich so nennen, bei denen dies nicht zutrifft. Darüber hinaus sollte er, das wäre meine Forderung, in der Lage sein, andere Menschen darin zu unterstützen, aufzuwachen. Denn was nutzt es den Menschen, wenn sie zehn Jahre bei einem „spirituellen Lehrer“ sitzen, hören, beherzigen, aber niemand von all diesen Menschen wacht auf? Was hat er dann von dem aufgewachten Sein des Lehrers? Also, aufgewacht hat der spirituelle Lehrer zu sein und in der Lage, andere Menschen zum Aufwachen zu unterstützen. Ein guter Tipp, wenn du auf der Suche bist: Schau, ob es aufgewachte Schüler oder Schülerinnen des Lehrers oder der Lehrerin gibt, und frage die, wie sie sich von dem Lehrer oder der Lehrerin unterstützt gefühlt haben, und auch, wie sie sich von ihm oder ihr unterstützt fühlen nach dem Aufwachen. Denn eins ist klar: wenn nach dem Aufwachen die wirksame, auf Erfahrung beruhende Unterstützung fehlt, dann ist die Gefahr groß, dass das Aufwachen sich nicht vertieft und auch nicht zur dauerhaften neuen Seinsweise wird. Und wie schade wäre das!

Wozu ein Blog?

Was also soll ich tun? Soll ich nun zu jedem Thema meine Meinung kundtun? Soll ich mich jeder Meinung enthalten und nur spirituelle Weisheiten von mir geben? Eben erst ist es mir aufgefallen, dass ich gar nicht weiß, was machen andere spirituelle Lehrer? Schreiben die jeden Tag einen Blog oder wenigstens einmal in der Woche? So als Ersatz für das frühere Wort zum Sonntag im Fernsehprogramm?

Natürlich, zu spirituellen Fragen fällt mir vieles ein. Aber das weiß ich auch, darauf werde ich mich nicht beschränken. Wenn ich das wollte, würde ich ein neues Buch schreiben. Und festlegen lassen will ich mich auch nicht. Das würde mir gegen den Strich gehen. Dann hätte ich meine Freiheit aufgegeben, mich auf den Augenblick einzulassen, und natürlich auch auf die Freiheit des Augenblicks. Der Augenblick ist die unendliche, grenzenlose Weite und die grenzenlose Tiefe. Die einzig wirklich relevante, die einzig wirkliche Erfahrung. Versunken in dieser Tiefe erscheint die klare Wahrnehmung, nichts anderes ist wirklich. Kein Corona-Virus, keine Kontaktbeschränkung, kein Politiker. All das ist nicht wirklich, weil es flüchtig ist und keinen Bestand hat. All das ist nicht wirklich, weil es aus Gedanken besteht, Gedanken die noch viel flüchtiger sind. Dieser Augenblick jetzt ist reine Glückseligkeit. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich, als ich vom Augenblick zu sprechen begann, so vollständig von ihm erfasst und aufgesogen wurde. Genauso fühlt es sich an, ein aufgesogen werden, manchmal sage ich auch, und manchmal trifft es das noch besser, wie aufgeschlürft von der Stille. Wie jemand eine Auster schlürfen mag, und kein Impuls irgendetwas zu schreiben. Nur Stille, unendliche grenzenlose Stille. Tatsächlich kommt es mir jetzt sehr zugute, dass ich die Worte nicht mit Fingern in die Tasten zu tippen brauche, sondern mein Sprachprogramm das übernimmt, während ich nur in ein Mikrofon zu sprechen habe. Dankbarkeit für die Technik.

Der Augenblick …

Der Augenblick ist die grenzenlose Tiefe, reine Glückseligkeit, Stille. Auch wenn es richtig ist, dass nichts anderes wirklich existiert, bedeutet es nicht, dass nichts anderes wichtig und von Bedeutung wäre. Das wäre ein Kurzschluss, auch wenn viele in der spirituellen Szene genau das denken. Als Analogie können wir einen nächtlichen Traum hernehmen; wenn wir morgens aufwachen, wissen wir, er war nicht wirklich. Wenn wilde Räuber uns im Traum ans Leben wollten, dann rufen wir jetzt nicht die Polizei. Und dennoch, dieser ganz und gar unwirkliche Traum hat Folgen, er   w i r k t   etwas, sodass er eigentlich   w i r k l i c h   zu nennen wäre. Er versetzt uns vielleicht den ganzen Tag in eine bestimmte Stimmung, vielleicht klingt das Aggressive nach, aus dem Traum, als wir zur Wehr zu setzen uns versuchten. Aufgrund dieser nicht gelösten aggressiven Stimmung zetteln wir womöglich einen Streit an, jetzt eben nicht mehr im nächtlichen Traum, sondern während des Tages. Womöglich einen Streit mit der Freundin, für die dies vielleicht der Tropfen ist, der das Fass zum Überlaufen bringt, und sie zieht aus, verlässt uns, und schwört, uns niemals wieder sehen zu wollen. So hat dieser unwirkliche Traum womöglich eine gravierende Wirkung. Er war nicht bedeutungslos, schon gar nicht folgenlos.

Und so ist es auch mit dem Leben des Alltags, mit der materiellen Sphäre, in der wir der Welt, den anderen Menschen und auch uns selbst, dem Organismus, dem physischen, dem emotionalen und dem mentalen Organismus begegnen. Es ist nicht bedeutungslos, wenngleich unwirklich, ob dieser Organismus Leid verursacht für andere und auch sich selbst, oder aus der Liebe handelt. Es ist nicht bedeutungslos, wie das Leben auf dieser Erde weitergeht. Ob wir weiter unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören oder die Umweltkatastrophe noch abwenden können. Ob Krieg ist und Menschen leiden. Ob in den USA Polizisten jedes Jahr weit mehr als 1000 Menschen erschießen, vor allem farbige.

Das Leben zählt …

Das nun jetzt ist eine Standortbestimmung: Reines Advaita ist es nicht. Jedenfalls nicht das, was manche unter Advaita verstehen, die glauben, dass die Frage, ob Krieg ist und jemand stirbt unwichtig sei und sich auflöst in die Frage, wer das ist, der stirbt und dann zur Antwort führt, dass Leere, dass reines Bewusstsein nicht aufhören kann. Nein: Leid zählt. Liebe zählt. Die Lebensgrundlagen zählen. Ob das Miteinander von Selbstsucht und Zerstörung bestimmt ist oder vom Wunsch nach Frieden und Wohlergehen, vom Wunsch, dass auch der andere sich entfalten kann. All das zählt. Auch wenn man im Aufwachen so vollständig von der Stille erfasst wird, dass man weiß: Nichts sonst ist wirklich.

So habe ich mich in diesem ersten Blog doch zu etwas wichtigem hinbewegen lassen. Aus dem soeben Gesagten ergibt sich für mich nämlich: Ich werde mich einmischen. Ganz sicher nicht parteipolitisch, obwohl ich Partei ergreifen werde: für das Leben, für die Liebe, für den Augenblick und seine unendliche Stille und Glückseligkeit, Partei ergreifen für die Wahrheit, die Freiheit, für das Aufwachen.

So wie ich jetzt überrascht bin, denn von dem ganz wenigen, was ich vorher im Kopf hatte, war der selbstverständlichste Gedanke, dass ich etwas zum Coronavirus sagen wollte. Dazu ist es jetzt nicht gekommen, und ich denke: Vielleicht beim nächsten Mal. Von dem ich jetzt glaube, dass es das wahrscheinlich geben wird. Wahrscheinlich. Man denkt natürlich, dass ein einmaliger Beitrag nun nicht wirklich als ein Blog bezeichnet werden kann. Lassen wir uns überraschen.

Christian Meyer

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